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Volker Effinger
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Die Entwicklung elektronischer Musikinstrumente
von 1872 bis heute
Ein Überblick
Volker Effinger
Fachhochschule
Stuttgart, Nobelstraße 10, 70569 Stuttgart, Germany
Email: ve003@hdm-stuttgart.de
22. Dezember 2005
Zusammenfassung: Die Entwicklung elektronischer
Musikinstrumente begann nicht erst 1964, als Robert Moog den Prototyp
des ersten Synthesizers baute.
Sie begann lange vorher, nämlich im Jahre 1874, kurz nachdem Thomas
Alva Edison und Emile Berliner mit der Tonaufzeichnung auf Wachszylinder
zu experimentieren begannen. [1]
Dieser Artikel kann naturgemäss nicht die ganze Entwicklung, die
über einen Zeitraum von fast 100 Jahren stattgefunden hat, abdecken.
Es sollen vielmehr einige "Eckpfeiler" herausgegriffen werden, sodass
für den interessierten Leser ein erster Überblick entsteht und
ein Einstieg in die Materie möglich wird.
Keywords: elektronische musik, harmonic telegraph,
telharmonium ,theremin , hammond, synthesizer, moog
Die Anfänge
Das nachweislich erste Elektronische Musikinstrument wurde 1874 von Elisha
Gray gebaut. Sein Neffe hatte durch Zufall eine Schaltung gebaut, die
einen Ton produzierte. Gray reproduzierte das Experiment und entwickelte
daraus ein Musikinstrument, welches er "Harmonic Telegraph" nannte. Er
ging damit 1874 auf Tour. Gray gilt damit gleichzeitig als der Erfinder
der elektromagnetischen Tonerzeugung. [2]
Trotzdem beruhte das nächste elektronische Musikinstrument, das 1896
von Thaddeus Cahill gebaute "Telharmonium" auf einem völlig anderen
Prinzip. [1]
Er benutze Zahnräder mit abgerundeten Zähnen, die er - von Motoren
angetrieben - rotieren liess. Genau über die "Zähne" der rotierenden
Zahnräder platzierte er Tonabnehmer. Jeder vorbeikommende "Zahn"
indizierte nun einen Impuls in den Tonabnehmer, sodass dieser eine Sinusförmige
Ausgansspannung abgab.
Auf genau diesem Prinzip beruht übrigens auch die sehr viel später,
nämlich 1930 von Laurens Hammond erfundene Orgel, die unter dem Namen
"Hammond Orgel" zu Weltruhm gelangte. [3]
Die Technik des Telharmoniums füllte damals eine ganze Fabrikhalle
und wog ca. 200 Tonnen. Berichten zufolge konnte man damit bereits Instrumente
wie Cello, Oboe und Violine imitieren. Keiner weiss allerdings wie gut,
denn Tondokumente sind leider keine erhalten.
Cahills Geschäftsidee beruhte auf der Nutzung des damals im Aufbau
befindlichen Telefonnetzes, um seine auf dem Telharmonium gespielte Musik
in Gaststätten und Privathaushalte zu transportieren. Die eigentlich
vielversprechende Idee scheiterte an dem hohen elektromagnetischen Übersprechen,
an dem das Telefonnetz damals litt : Die Signale des Telharmoniums streuten
als Sörungen in die "regulären" Telefonleitungen ein. Da mit
den damaligen Mitteln das Problem nicht beseitigt werden konnte, musste
Cahill sein Vorhaben schliesslich aufgeben.
Die ersten vollelektronischen Instrumente
Eines der ersten vollelektronischen Musikinstrumente
war das 1920 von Leon Theremin in Russland gebaute Theremin. Es ist eines
der wenigen historischen Instrumente, die bis heute gebaut werden.
Seine bemerkenswerteste Eigenschaft ist wohl, dass es gespielt wird, ohne
es zu berühren.
Äusserlich ist das Gerät recht unscheinbar, je nach Ausführung
besteht es meist aus einer Holzkiste, aus der zwei Antennen herausragen,
eine Vertikal und eine Horizontal. Gespielt wird das Instrument, indem
man sich mit den Händen den beiden Antennen nähert, wobei die
horizontale Antenne für die Lautstärke zuständig ist, die
Vertikale für die Tonhöhe.
Wer einmal versucht hat, ein Theremin zu spielen, weiss, wie schwierig
es ist. Minimalste Bewegungen nur eines Fingers führen zu wildesten
Schwankungen in der Tonhöhe. Es braucht enorm viel Übung und
Geistesgegenwart, um auch nur eine halbwegs erkennbare Melodie auf dem
Instrument zustande zu bringen. Trotzdem gibt es bist heute einige sehr
gute Theremin-Virtuosen.
Die Technik des Theremin beruht auf dem Prinzip des Schwebungssummers.
Es enthält 2 Hochfrequenz Oszillatoren : Einen Referenz-Oszillator
und einen Oszillator, dessen Frequenz durch Annäherung der Hand an
die Antenne beeinflusst wird. Verstimmt sich nun der Zweite gegenüber
dem ersten Oszillator, entsteht eine Schwebung. Da die Abweichung der
Frequenz normalerweise recht gering ist, liegt diese Schwebung im hörbaren
Bereich, und man kann sie hörbar machen, indem man sie Verstärkt
und auf einen Lautsprecher gibt. [2] [4]
Leon Theremin war Elektroingenieur und Spezialist für Hochfrequenztechnik
und wanderte, nachdem das Theremin sehr populär geworden war, in
die USA aus.
Er wurde 1938 von der Vorgängerorganisation des KGB entführt
und fortan gezwungen, für den Russischen Geheimdienst Abhöreinrichtungen
zu entwickeln.
Erst 1992 konnte Leon Theremin ein letztes Mal in die USA zurückkehren,
wo sich sein Instrument eine riesige Fangemeinde erobert hatte.
Leon Theremin starb 1993 im Alter von 97 Jahren. [2]
Es wurden einige Variationen des Theremins entwickelt, so z.B. das ThereminCello,
welches wie ein Streichinstrument gespielt werden konnte, oder auch eine
Theremin-Version mit Tastatur. Die beliebteste Variante ist - sicher auch
der Optik wegen - die Version mit den zwei Antennen.
Auch gab es weitere Instrumente, die auf dem Schwebungssummer-Prinzip
basierten, wie z.B. das Ondes Martenot. [6] Sie erreichten allerdings
nicht die Beliebtheit und Verbreitung des Theremin.

fig02: Leon Theremin und sein Instrument
Die ersten Synthesizer
Theremins baute auch im Jahre 1963 ein junger
Mann namens Robert Moog, um sich finanziell über Wasser zu halten,
während er an seiner Doktorarbeit schrieb. Einer seiner Kunden war
der Komponist Herbert Deutsch, den er 1963 bei einer Konferenz traf.
Die beiden unterhielten sich über elektronische Musik und kamen überein,
dass neuartige Instrumente gebraucht wurden.
Moog entwickelte das Prinzip der Spannungssteuerbarkeit von verschiedenen
Modulen wie Filter, Verstärker und Oszillatoren und baute daraus
das erste Moog Modularsystem. Den Prototypen stellte er im August 1964
fertig.
Der erste Synthesizer war geboren.
Analoge Synthesizer und das damit verbundene Prinzip der Subtraktiven
Klangsynthese erfuhren in der Folgezeit zahllose Weiterentwicklungen und
Veränderungen. Moog selbst machte den Synthesizer portabel, indem
er den legendären "Minimoog" entwickelte, die Firma ARP beseitigte
die Verstimmungsprobleme der Oszillatoren und japanische Firmen wie Korg
oder Yamaha machten die Geräte auch für weniger betuchte Musiker
erschwinglich. [7]
Moog holte mit seiner Spannungssteuerbarkeit die elektronische Musik aus
den Klanglabors der Musikhochschulen und "demokratisierte" sie, indem
er die Tonerzeugung für normale Musiker bedien- und handhabbar machte.
Die Klänge - so normal sie uns heute vorkommen - waren damals so
neu und revolutionär, dass sie sämtliche Gemütsregungen
zwischen Schockzustand und völliger Verzückung hervorriefen.
Entsprechend polarisiert war auch die Akzeptanz bei Musikern und Publikum.
Zunächst als "Gimmickbox" und "Spielzeug" verschrien, wurden Synthesizer
erst durch den Synthie-Pop der 80er Jahre auf breiter Front als vollwertiges
Musikinstrument akzeptiert.
Synthesizer werden digital
Ab etwa 1970 wurde an Hochschulen (z.B. IRCAM,
Paris) mit digitaler Tonerzeugung experimentiert. Man entwickelte Synthesemethoden
wie die Frequenzmodulation, welche 1983 in Form des Yamaha DX-7 sehr erfolgreich
vermarktet wurde. [1],[7] Auch die Additive Synthese (das Zusammensetzen
eines Klanges aus Sinustönen verschiedener Frequenz) war auf digitaler
Basis erstmals mit vertretbarem Aufwand umsetzbar.
In ein kommerzielles Produkt packte all dies aber die kleine australische
Firma "Fairlight", die sich bis dahin eher mit EDV-Produkten einen Namen
gemacht hatte.
Das "Fairlight CMI" (Computer Musical Instrument) wurde 1979 vorgestellt.
Er beherrschte alle vorgenannten Syntheseformen, verfügte über
eine Tastatur, einen Bildschirm mit Lichtgriffel und zwei Diskettenlaufwerke.
Kostenpunkt : In etwa 50000 Euro für die Grundausführung.
Der eigentliche Knaller des Fairlight war aber ein anderer : Er konnte
"Samplen".
Erstmals war es möglich, ein beliebiges Schallereignis (beispielsweise
das Bellen eines Hundes) digital aufzunehmen und über eine Klaviertastatur
melodisch zu spielen - Eine Möglichkeit, die experimentierfreudigen
Musikern die Tränen in die Augen trieb.
In den folgenden Jahren gab es auch kaum eine Pop-Platte, auf der nicht
ein Fairlight zu hören gewesen wäre. Klänge wie die berühmt-berüchtigten
Orchesterabschläge, die in den Achtziger Jahren allgegenwärtig
waren, gingen auf den Fairlight zurück. [7]
Die Sampling Technologie wurde von Firmen wie E-mu Systems (Emulator),
PPG (Wave 2.2 ; Waveterm) und später Akai (S-Serie) adaptiert und
in bezahlbare Regionen gebracht. Digitales Sampling hat die Audioproduktion
von Grund auf revolutioniert (Schlagzeuger, Streichorchester und Filmgeräuschemacher
verloren reihenweise ihre Jobs) und ist bis heute aus dem Audioproduktionsalltag
nicht mehr wegzudenken.
Die Gegenwart : Software Synthesizer
Die Mitte der Neunziger Jahre von der Firma
Steinberg entwickelte VST-Technologie (Virtual Studio Technology) machte
es erstmals möglich, Synthesizer, die nur als Software existierten,
in eine Studio-Produktionsumgebung zu integrieren. Die Instrumente liegen
als "Plug-Ins" vor, die innnerhalb einer "Host"-Software wie Steinberg
Cubase oder Apple Logic gestartet und genutzt werden können.[8]
Seither verlieren klassische Hardware Synthesizer an Bedeutung. Kein Wunder,
denn wo vorher Bandmaschinen, Mischpulte und etliche Keyboards benötigt
wurden, genügt jetzt ein handelsüblicher Laptop mit angeschlossener
Midi-Tastatur.
Dies führte dazu, dass mehr und mehr analoge Klassiker in Software-Versionen
auf den Markt kommen, so gibt es z.B. vom Minimoog etliche Inkarnationen
unterschiedlicher Qualität.
Aber nicht nur etablierte Klassiker werden als Software emuliert, auch
neue Syntheseformen werden von kleinen, unabhängigen Firmen als Softwaresynthesizer
realisiert.
Man könnte dies als einen neuen Vorgang der "Demokratisierung" sehen,
denn Firmen dieser Grösse hätten nicht die finanziellen Möglichkeiten
gehabt, ihre Ideen als Hardware-Produkt auf den Markt zu bringen. So können
auch wieder Synthesizermodelle entwickelt werden, die einen eher kleinen,
spezifischen Kundenkreis ansprechen.
Auch Analoge Synthesizer feiern fröhliche Urständ : Mitte der
achtziger Jahre schon totgesagt, gibt es mittlerweile wieder einige Firmen
die Analoge Synthesizer nach dem klassischen, spannungsgesteuerten Prinzip
bauen.
Ihre Kunden sind (grösstenteils junge) Musiker, denen digitale Synthesizer
"zu clean" klingen und die die kleinen Ungenauigkeiten und den rauhen,
kräftigen Klang der analogen Geräte zu schätzen wissen.
Fazit
Wie geht's weiter ? Nun, sicherlich werden Hardware
Synthesizer im Studio weiter an Bedeutung verlieren und grösstenteils
durch Software-Pendants ersetzt werden.
Allerdings ist im Bühnenbereich ein Instrument, das nach dem Prinzip
"Einschalten-Losspielen" funktioniert einfach unentbehrlich. So werden
auch Hardware Instrumente weiterhin ihre Berechtigung behalten.
Eine Zwischenlösung stellen Geräte wie der "Noah" von der deutschen
Firma Creamware dar. Diese Gerätegattung stellt spezialisierte, bühnentaugliche
Hardware zur Verfügung, in denen Software-Instrumente in speziellen,
abgesicherten Umgebungen laufen und durch am Gerät angebrachte Knöpfe
bedient werden können. [9]
Noch sind diese Lösungen proprietär und erfordern speziell angepasste
Versionen der Software. Entsprechende Akzeptanz und Nachfrage vorrausgesetzt
könnte sich hier aber ein gangbarer Weg abzeichnen, die Vorteile
von Soft- und Hardware zu verbinden.
Was haben nun ein Creamware Noah (2004) und ein Harmonic Telegraph (1874)
gemeinsam ? Ausser der Stromversorgung : Nicht viel, sollte man meinen.
Den einfachen elektromagnetischen Oszillator und selbst den primitivsten
Softsynth, der nur aus ein paar Zeilen Programmcode besteht, trennen technisch
Welten.
Doch in beiden Fällen (und in allen Anderen) haben Menschen die Technologie
der Zeit benutzt, um Musik zu erschaffen.
Und dies wird sicherlich, auf die die eine oder andere Weise, auch in
Zukunft so bleiben.
Literaturliste
| [1]: |
Unbekannter Autor; Origins;
http://www.electronicmusic.com/education/5333.html,
Zugriff am 22.11.2005 |
| [2]: |
Unbekannter Autor; Milestones;
http://www.electronicmusic.com/datafiles/people/milestones.html#hammond,
Zugriff am 22.11.2005 |
| [3]: |
Unbekannter Autor; Die
Hammond Story; Zeitschrift
: Keyboards, Musik Media Verlag Köln, Ausgabe 10/1990 |
| [4]: |
Unbekannter Autor; Theremin
History; www.thereminworld.com,
Zugriff am 22.11.2005 |
| [5]: |
Unbekannter Autor; Theremin;
http://www.obsolete.com/120_years/machines/theremin/,
Zugriff am 27.12.2005 |
| [6]: |
Unbekannter Autor; Ondes-Martenot;
http://bird.musik.uni-osnabrueck.de/virtsem2002/Ondes_Martenot/martenot_2.htm,
Zugriff am 26.12.2005 |
| [7]: |
Becker, Matthias; Synthesizer
von Gestern; Musik
Media Verlag Köln, 1990 |
| [8]: |
www.steinberg.de, Zugriff am 26.12.2005 |
| [9]: |
www.creamware.de, Zugriff am 26.12.2005 |
| [10]: |
Vail, Mark; Vintage
Synthesizers; Backbeat
Books Gilroy, CA 95020 USA, 2.
Auflage April 2000 |
Liste externer Links
http://www.electronicmusic.com/education/5333.html
http://www.obsolete.com/120_years/
http://www.thereminworld.com
http://emfinstitute.emf.org
http://www.steinberg.de
http://www.creamware.de |