Version 1.6 | Datum 06/10/2009
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Sven Müller

 

 

Humor! Oder humorlos?

Das Format Sitcom und ihre dramaturgische Gestaltung.

Zusammenfassung: Situation Comedy (Sitcom) ist ein TV-Format, welches in Amerika eine große Tradition hat und sich in Deutschland zunehmender Beliebtheit erfreut. Das Format hat einen einzigartigen dramaturgischen Aufbau. Was definiert aber eine Sitcom, welches sind die Komponenten und Besonderheiten des Formates?

Vorgeschichte

Zur Zeit beschäftigen sich einige deutsche Sendeanstalten, private als auch öffentlich-rechtliche, mit dem Format Sitcom. Dabei importieren die Sender nicht nur amerikanische Erfolgsformate, sondern produzieren auch selbst. Diese selbst produzierten Sitcoms liegen in der Quotenauswertung auf den vorderen Plätzen und sind somit auch in Zukunft ein Thema in der Programmgestaltung. Dabei begann die deutsche Historie mit Hindernissen und bis auf einige, wenige Ausnahmen konnte das Format nicht etabliert werden. Ein wahrer Sitcom-Boom entstand Ende der Achtziger Jahre mit den US-Importen THE BILL COSBY SHOW und ALF. Die deutschen Eigenproduktionen hingegen profitierten nicht davon.  Erst vor zehn Jahren kamen diese richtig zur Entfaltung. Mit LUKAS (ZDF) und FAMILIE HEINZ BECKER (ARD) wurden erste große Erfolge dauerhaft erreicht. Daraufhin auch andere Sender eigene Konzepte umsetzten. Vor allem die privaten Sender setzen dabei auf leichte Abänderungen des Formates Sitcom, im Bezug auf Herstellung und Gestaltung. RTL als Marktführer des Fernsehmarktes dominiert auch das Genre mit Produktionen wie z.B.  RITAS WELT und NIKOLA.

Definition des Formates

Situation Comedy (Sitcom) ist eine halbstündige Serie, in der bestimmte Charaktere in einer bestimmten Ausgangssituation auf Ereignisse, Störungen witzig reagieren und am Ende einer jeden Episode zur Grundkonstellation zurückkehren. Durch das Wiedererlangen des Ursprungs sind die Episoden in sich abgeschlossen und im Gegensatz zu Soap Opera ist die Serie nicht endlos und langfristig unvorhersehbar. Jede einzelne Episode ist um die „Beständigkeit ihrer Grundkonstellation bemüht" und kann deshalb ohne Vorkenntnisse leicht konsumiert werden [DH99]. Dabei stellen der Handlungsort, die Charaktere und die Art des Humors eine feste Konstante.  Der Humor der Situation Comedy entwickelt sich nicht durch die Situation, wie der Name erahnen ließe, sondern vielmehr durch die Charaktere und deren Art auf Ereignisse zu reagieren [JW96].

Arten des Formates

Im Laufe einer über fünfzig Jahre (bezogen auf die amerikanischen Sitcoms) andauernden Weiterentwicklung des Genres, werden immer wieder Versuche unternommen, die Sitcoms in Untergruppen einzuordnen. Jede Lektüre schlägt dabei einen eigenen Weg vor. Oft wird hierzu das Handlungsumfeld hinzugezogen. Sitcoms in heimischem Ambiente mit hauptsächlich familiär geprägten Konflikten werden als domestic comedies (Domcom) bezeichnet und im Gegensatz dazu, Sitcoms die sich mit dem Berufsleben und dessen Eigentümlichkeiten auseinandersetzt, werden workplace comedies (Careercom) genannt.

Andere sehen eher Bezüge in der Komplexität der Situation als solche: Domcom (Familienleben); Kidcom (befassen sich mit den Kindern der Familien); SciFiComs (magische und phantastische Elemente bestimmen); Couplecoms (Beziehung eines/ mehrerer Paare); Corncoms (ländliche Volksgruppen); Ethniccoms (ethnische Volksgruppen); Careercom (Berufsleben) [RM88]. Darüber hinaus ist mit der Singlecom oder auch Singleparentscom (Single- Leben)  eine weitere Unterart hinzugekommen. [DH99]. Diese Listen werden vermutlich in den nächsten Jahren noch weiter anwachsen. Aufgrund der Weiterentwicklungen, die Genre zu vermischen und auch die Handlungsräume nicht so geradlinig zu trennen, wird das System endgültig ausgehebelt.

Ein weiterer, mir entgegen kommender, Ansatz ist es, die Sitcoms durch die Besetzung zu klassifizieren. So bleiben nur zwei Arten: starcom und ensemblecom [JW96]. Die starcom zielt auf einen Schauspieler/ Komödiant ab und zentriert alles um ihn herum. Er trägt das Hauptpotential der Serie. Meist werden die Serien schon durch den Titel geprägt (Bsp: BILL COSBY SHOW, ROSEANNE, HAUSMEISTER KRAUSE). Die ensemblecom jedoch vereint einen Cast von mehreren Schauspieler, die gleichberechtigt neben einander agieren (Bsp. FRIENDS, DIE CAMPER). Die Gleichberechtigung bezieht sich vor allem auf das Konflikt- und Humorpotential.

Struktur des Formates

Ein besonderes Wesensmerkmal sind die zwei Strukturen der Sitcom. Da die effektive Sende-länge bei etwa 25 Minuten liegt und durch Werbebreaks (bezogen auf private Sender) die klassische Erzählstruktur unterbrochen wird, ergibt sich eine doppelte Struktur mit zwei Strukturarten: dramatische und technische Struktur [JW96]. Die dramatische Struktur unterliegt dem klassischen dreiaktigen Prinzip von Anfang, Mitte und Ende - wie bei jeder Komödie bzw. Drama [SF01]. Der technischen Struktur liegen die Vorgaben der Sender und deren Einsatz von Werbung zugrunde. Da diese nicht zwischen den dramaturgischen Teilen eingesetzt werden, ergeben sich zwei technische Akte und damit ein dramaturgisches Problem. Auf der einen Seite will man dem klassischen Prinzip folgen aber andererseits will man die Spannung über die Werbeunterbrechung hinaus erhalten.

Dies ergibt ein eigenes dramaturgisches Konzept des Formates. Die zwei technischen Akte beinhalten jeweils drei bis vier Szenen, die eine in sich abgeschlossene Dramaturgie besitzen. Die Abgrenzung der einzelnen Szenen ermöglicht der so genannte Subplot. Da eine Sitcom aus einem Ensemble von Haupt- und Nebencharakteren besteht und diese nicht alle in ein und dieselbe Konfliktsituation zu pressen sind, entwickelte sich, als ein weiterer Wesenszug der Sitcom, der so genannte Subplot. Dieser ist unabhängig von der eigentlichen Geschichte der Episode und bindet meist die Charaktere an sich, die zum Hauptkonflikt keine entscheidenden Einflüsse beitragen [JW96]. Der Subplot schafft zu dem, dass örtliche und zeitliche Sprünge des Hauptkonfliktes harmonisch getrennt werden. Einige besonders gute Episoden vermögen Plot und Subplot so raffiniert aufeinander treffen zulassen, dass sich beide Geschichten gegenseitig anspornen.

Zudem kommt der gelegentliche Einsatz (nicht jede Serie nutzt dies) von Teaser und Tag. Teaser beschreibt eine einminütige Geschichte am Anfang, in der nicht nur die Charaktere etabliert werden, sondern vor allem die Art des Humors. So eingestimmt beginnt nach dem Opener die eigentliche Geschichte. Nachdem diese beendet ist, nützen einige Serien noch den  Tag. Er ist ein humoristisches Bonbon, das am Ende einer Folge anhängt, der zwar auf einen Teil der Geschichte anspielt aber keine wichtigen Informationen zur Auflösung beinhalten darf. Die Tags werden oft in der wiederholten Ausstrahlung (Syndikation) herausgeschnitten [RM88].

Bei aller technischen und dramaturgischen Voraussetzung bleibt einzig ein wichtiger Punkt, der Sitcoms ausmacht: der Humor.

Humor und Inhalt

Die humoristischen Facetten von Sitcoms sind so vielseitig, wie ihre Themen. Der komische Hauptbestandteil sind die Dialoge[JW96]. Sehr viele Sitcoms leben ausschließlich von gesprochenem Witz, einige nutzen darüber hinaus auch Slapstick, wobei der sehr vom jeweiligen Darsteller abhängig ist. Die Verflechtung des Inhaltes mit Slapstick ist schwierig zu vereinen und beschränkt sich meist auf Einzelszenen. Gern wird auch die Situationskomik benutzt, in der eine bestimmte Konstellation oder ein bestimmtes Bild erreicht wird. Die Charaktere und deren Beziehung zu einander bestimmen die humoristische Vielfalt. Der thematische Schwerpunkt prägt den Humor ebenfalls.

Die Sitcom reagiert auf eigene, humoristische Weise auf den Zeitgeist und die Themen der Gesellschaft. Über die Jahre entwickelten sich auch im amerikanischen Fernsehen die thematischen Schwerpunkte der Sitcoms. Die heile Familienwelt mit Moral und Werten sind in Amerika ein beliebtes Hauptthema der Sitcoms. Aber im Zuge der Aufklärungswelle der Siebziger Jahre und der sozialkritisch angehauchten Achtziger Jahre entwickelten sich die Sitcoms weiter. Schonungslos wurden diese Themen in die Sitcoms eingebunden oder gar neue Sitcoms konzipiert. Dieses führte auch zu Seitenhieben in Richtung Politik und Wirtschaft.

Eine solche Fülle an Themen kann die deutsche Sitcom Geschichte noch nicht bieten, jedoch werden auch da Versuche unternommen die Themen, die das deutsche Publikum bewegen auf humoristische Weise zu kommentieren. Die besten deutschen Beispiele sind hierfür EIN HERZ UND EINE SEELE und MOTZKI, welche die politischen Ereignisse verarbeiteten. Die deutschen Sitcoms heute beschränken sich eher auf leichtere Themen, um gepaart mit Schrägheit Unterhaltung zu bieten.

Man darf gespannt sein, in wie weit sich das Genre inhaltlich aber auch humoristisch in Deutschland weiterentwickelt. Dass dies passiert, werden hoffentlich die neuen Serien zeigen, die im Moment konzipiert und produziert werden.

Literaturliste

[RM88]: Rick Mitz; The Great TV Sitcom Book; Perigee Books; 1988

[JW96]: Jürgen Wolff; Sitcom - Ein Handbuch für Autoren; Emons Verlag; 1996

[DH99]: Daniela Holzer; Die deutsche Sitcom - Format, Konzeption, Drehbuch, Umsetzung; Bastei-Lübbe; 1999

[SF01]: Syd Field; Drehbuchschreiben für Fernsehen und Film; Econ; 2001

Liste externer Links

http://www.wsu.edu:8080/~taflinge/sitcom.html#intro

http://www.sitcomonline.com/