Version 1.6 | Datum 06/10/2009
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Die Widersprüche des Marktes des digitalen interaktiven Fernsehens in Spanien

Digitales interaktives Fernsehen in Spanien

Wilfrid Rollé


Mit England und Schweden gehörte Spanien zu den Vorreitern des digitalen interaktiven TV. Anfang des neuen Jahrtausends waren schon 1 Mio. der spanischen TV-Haushalte mit digitalem Fernsehen mit potentiellen interaktiven Diensten ausgestattet. Heute ist aber das interaktive Fernsehen in der iberischen Halbinsel nicht so verbreitet wie erwartet. Diese Entwicklung ist auf Widersprüche des Marktes zurürückzuführen.

Vorherrschen des Fernsehers und relative Unterentwicklung des Internets.

Der Fernsehapparat ist in Spanien das Königsgerät des Zuhauses. 99,5% der spanischen Haushalte besitzen mindestens einen Fernseher. Die europäische TV-Gerätausstattung liegt bei 96%. In diesem Zusammenhang kann in Spanien nur der Kühlschrank dieses Verhältnis mithalten: 96% der Haushalte haben einen. In diesem Land scheint es also genauso wichtig fernzusehen wie zu essen …oder zu trinken: dort ist das TV-Gerät in jeder Bar allgegenwärtig. Auf einer anderen Seite scheint die Entwicklung des Internets in Spanien im Vergleich zu der der gesamten Europäischen Union unterentwickelt zu sein. Nur 17% der spanischen Hauhalte haben einen Zugang zum World Wide Web, d.h. weniger als die Hälfte des europäischen Durchschnitte--s. In Deutschland ist 46% der Bevölkerung online, meistens über ISDN-Anschluss. In der iberischen Halbinsel haben 18 % der mit Internet angeschlossenen Haushalte einen DSL-Anschluss, 7 % sind per Kabel Modem angeschlossen,  während 75% durch 56k Modem ins Netz gehen. Wenn die Spanier ein digitales interaktives Fernsehen wollen, müssen sie sich also ausrüsten.

In der Literatur gilt das digitale interaktive Fernsehen als Konvergenztechnologie zwischen Fernsehen und PC bzw. Internet. In Spanien haben 36% der Haushalte einen PC und die Zahl der Abonnierten am Breitband befindet sich im ständigen Wachstum. Aber wie kann sich das digitale interaktive TV in einem Land entwickeln,  wo das TV-Gerät so dominant ist, während das Internet immer noch nicht so verbreitet ist?

Die spanische Fernsehlandschaft: Verschuldung und Potential

Es ist unmöglich das Problem des digitalen interaktiven Fernsehens in Spanien nachzuvollziehen, ohne einen Blick über die Fernsehlandschaft zu werfen.

Das öffentliche Radio und TV Radiotelevisión EspaĖola (RTVE) wird durch Werbeeinahmen finanziert, es werden keine Fernsehgebühren erhoben. Das Management unterliegt der politischen Kontrolle, handelt aber werbeorientiert, so dass eine kommerzielle Programmstruktur vorherrscht. Es sind zwei öffentliche Fernsehprogramme der RTVE: das TVE 1 und TVE 2 (La 2). Die Rundfunkanstalt RTVE hat 5000 Mio. Euro Schulden. Seit 1990 gibt es auch private Fernsehanbieter, nä--mlich die zwei landesweite Kanäle Antena 3 und Telecinco. Dazu kommt der PayTV Fernsehsender des französischen Medienkonzerns Vivendi Universal Canal +. Schon seit 1983 existieren regionale Fernsehsender in der jeweiligen Landessprache, die sich aus den Werbeeinnahmen und Subventionen der Regionalregierungen finanzieren. In Katalunien sind es die Sender TV 3 und Canal 33, im Baskenland die ETB- und ETB-2, in Galizien TV Galicia, in Andalusien Canal Sur, im Raum Valencia Canal 9 und im Einzugsgebiet von Madrid Telemadrid. Wie die landesweit öffentlichen Sender haben die regionalen auch Schulden (insgesamt über 1000 Mio Euros).

Der Marktanteil zeichnet sich wie folgt aus:

TVE 1                                                 25%

La 2                                                    8%

Antena 3                                             23%

Telecinco                                            21%

Canal+                                              2,5%

Autonómicas  (Regionale Sender)      16,5%

Rest                                                    4%

Quelle:  El futuro de la televisión en EspaĖa, S.160

Die tägliche Fernsehdauer beträgt in Spanien durchschnittlich 210 Minuten, in der Bundesrepublik sind es 203 Minuten, in den USA 280 Minuten und in der EU 204. Die beliebsteten Programme sind die Sportevents (vor allem Fußball, der quasi zur Medienreligion geworden ist), amerikanische Spielfilme, einheimische Serien und Nachrichtensendungen. Momentan werden immer mehr Yellow Press Sendungen mit Erfolg ausgestrahlt. Dagegen sind nur wenige Kultur-, Dokumentations-, und Bildungssendungen zu sehen. Daraus könnte eine Marktlücke entstehen.

Werbung ist im spanischen Fernsehen allgegenwärtig: 73% der Finanzierungsquelle der spanischen öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten stammen aus der Werbung, während in Deutschland 78% aus Einnahmen der Rundfunkgebühren kommen.

Eines ist festzustellen: während der deutsche Zuschauer schon längst über Kabel (56% der Empfangsart) oder Satellit (36%) über 30 Programme empfangen kann und dadurch möglicherweise zufrieden ist, werden bei den meisten spanischen Haushalten noch nicht zehn Programme zur Verfügung gestellt. Dadurch zeichnet sich der spanische Fernsehmarkt für das d--igitale interaktive Fernsehen mit großem Potential aus. Auf einer anderen Seite ist der derzeitige Werbeumfang zu gering, um die Kosten der Sender decken zu können, so dass die Programmpolitik aggressiver wird. Es herrscht eine stärkere Kommerzialisierung. Die Verschuldung des öffentlichen Fernsehens und der Mangel an klaren politischen Entscheidungen könnte ihre Zukunft verbauen und technischen Neuerungen schwierig machen.

Zugangstechnologien des digitalen interaktiven Fernsehens in Spanien: Theorie und Praxis

Theoretisch existieren gängige Zugangstechnologien für die Einführung des digitalen  interaktiven Fernsehens aber nicht alle kommen in Frage in der Praxis auf dem spanischen Fernsehmarkt. Folgendes Schaubild stellt die verschiedenen Zugangstechnologien mit ihren Vor- und Nachteilen dar.

Quelle: zum größten Teil W. Moedinger, Vorlesungsskript „Medienmaerkte“, Sommersemester 2003


In Spanien kommen nicht alle Technologien in Frage, da wie jeder nationale Markt der spanische Fernsehmarkt spezifisch ist. Wie es diese Grafik veranschaulicht, scheint die Satelliten-Technologie zu dominieren.

Quelle: Datamonitor, 2001

Satelliten-Technologie: Super PayTV mit Verlusten

Seit 1997 gibt es in Spanien zwei digitale Satellitenfernsehplattformen: Canál Satélite Digital und Vía Digital. Während Canál Satélite aus der Initiative der französichen Medien Konzern Vivendi Universal (Canal +) abstammt, ist Vía Digital eher eine Zusammenschließung aus  spanischen Medienunternehmen wie Admira oder Televisión Galicia. Canál Satélite strahlt durch den Satelliten ASTRA aus, Vía Digital über HISPASAT. Die erste Plattform hat 1.3 Mio Abonnenten, die andere über 800.000 Abonnenten, beide machen aber Verluste. Die Satelliten-Technologie ist heute die Zukunftstechnologie der Vergangenheit und hat dazu geführt, dass für viele Spanier digitales (interaktives) Fernsehen mit PayTV  (d. h. kostenpflichtig) synonym ist.

xDSL vs Kabel-Technologie: Telefónica vs regionale Providers

Das Kabelfernsehen ist in Spanien eine Neuigkeit. Das Kabel entstand in den USA in den Fünfziger Jahren in Regionen, in denen der TV-Empfang über terrestrische Übertragung schlecht war. Wegen der Internet-Revolution bieten die neuen spanischen Kabelprovider integrierte Dienste mit Telefon, Fernsehen und Internet in einem Paket an. Die heutige Technologie ist die HFC-Architektur (Hybrid Fiber/Coax) und wird im  folgenden Bild beschrieben.

Quelle: Cantábrico Telecomunicaciones | Knology

Aus gesetzlichen Gründen sind mehrere Kabelnetze entstanden, um eine monopolistische Entwicklung des Telekommunikationskonzerns Telefónica zu verhindern. Diese werden durch regionale Kabelbetreiber(Auna, R, usw.) durchgeführt. Dementsprechend hat sich die Kabel-Technologie als die Alternative zum Telefónica-Angebot DSL-Technologie entwickelt.

VS

Auna Cable R Euskaltel Retecal Telecable

Retena Reterioja

Ono

Bild: Logos der spanischen Hauptkabelbetreiber

Einiges spricht für das Kabel: es ermöglicht eine große Bandbreite, das TV in 16/9, Audio-Otptionen, das Multicast (d.h. mehrere Fernseher können in einem Haushalt unterschiedliche Inhalte zuschauen) und interaktive Dienste (etwa VOD, Video on Demand). Aber in einem Land ohne Kabelnetz erfordert die Implementierung erst mal hohe Kosten.

Dagegen kann die xDSL-Technologie vom schon vorhandenen Telefonnetzwerk profitieren: die Telefonleitung ist schon in den 17 Mio spanischen Haushalten vorhanden. Ein paar Nachteile sind trotzdem da: diese Techonlogie ist ein Unicast-System (d.h. der gleiche Inhalt ist in einem Haushalt zu sehen); die Übertragungsqualität ist vom Abstand zur Zentrale des Provider--s abhängig (maximal: 1,5 km);  die Bandbreite ist auf 6 Mb/s (z.B. bei dem Telefónica Pilot-Projekt Imagenio in Alicante) begrenzt.

Die ADSL - Technologie(Asimetric Digital Subscriber Line)  ist eine Modalität der  xDSL-Familie (HDSL, SDSL...). Darunter ist die Übertragungstechnologie zu verstehen, die es erlaubt, durch konventionelle Kupferdraht Telefonleitungen Daten mit einer Geschwindigkeit über 2MB/sek. zu transportieren. Die Qualität der Übertragung hängt vom Abstand zwischen dem Haushalt und der Telefonzentrale und vom Kupferdraht ab.


Allgemeine Lösung xDSL | Quelle: Telefónica I+D (F&E)

(Übersetzung: enlace: Verbindung; servidor: server, sobre: über)

Ob die regionalen Kabelproviders oder der zentrale Telekommunikation- und Medienkonzern Telefónica durch die xDSL-Technologie den Markt erobern werden, ist noch nicht klar. Eins steht jedoch fest: die Telefónica führt ein Pilotprojekt an, wobei regionale Anbieter schon das Paket „Internet-Teléfono-Televisión“ verkaufen.


Televisión Digital Terrestre als staatlicher Plan

In Spanien heißt das Digitale Terrestrische TV (DTTV) TDT (Televisión Digital Terrestre). Es wird stark vom Staat gefördert -- (Plan Tecnológico Nacional para la TDT, Technologische Planung für das DTTV)). Es ist die digitale Entwicklung des aktuellen analogen Fernsehens. 84% der Fernsehübertragung ist in Spanien terrestrisch, wobei es in Deutschland nur 9% sind. Wie in der Bundesrepublik soll dieses System auf dem Format DVB-T (Digital Video Broadcasting Terrestrial) und unter der Plattform MHP (Multimedia Home Plattform) laufen. Die digitale Übertragung (in 0 und 1) von Bild und Ton ermöglicht den Kompressionsprozess und Korrekturen. Neben Großbritannien und Schweden gehört Spanien zu den Vorreitern in der Entwicklung des digitalen TV, die laut der europäischen Richtlinien im Jahre 2012 abgeschlossen werden soll („apagón analógico“ oder „switch off“ der analogischen Übertragung). Vorteile des TDT liegen auf der Hand: höhere Zahl an Fernsehkanäle (Free und Pay TV), bessere Bild- und Tonqualität, 16/9 Bildformat, Surround Sound, Mehruntertitelung, Mehrsprachigkeit, bessere Portabilität auf mobile Geräte, billige Distribution, Interaktive Dienste usw. Letztendlich sollte das TDT den Spaniern den Einstieg in die “Sociedad de la Información“ (Informationsgesellschaft) ermöglichen. Trotz allem verläuft die Entwicklung des TDT bis heute schleppend. Wie iTV in Großbritannien musste Quiero TV (übersetzt „Ich liebe/will Fernsehen“) nach zwei Jahren Existenz (von Mai 2000 bis Mai 2002)  von der Bildoberfläche verschwinden. Das Scheitern läßt sich folgendermaßen erklären: die hohen Startsinvestition, die seltene Verbreitung des teueren Empfangsequipements, die knappe Zuschauerzahl (über 200 000) machten das TDT-Geschäft bisher nicht rentable. Immerhin ist in Spanien auf regionaler Ebene (etwa in Madrid) das TDT gegenwärtig: die Entwick--lung ist vielleicht langsamer als vom Staat geplant.

Fazit: Dynamik oder Lahmlegung?

Der Markt des digitalen interaktiven Fernsehens ist in Spanien durch Widersprüche gezeichnet. Widersprüche auf der technologischen Ebene: der Fernseher ist allgegenwärtig aber das Internet ist immer noch nicht allen zugänglich. Widersprüche auf der wirtschaftlichen Ebene: obwohl große finanzielle Mittel schon in das digitale Fernsehen investiert wurden, hat noch keiner mit dem Medium der Zukunft Geld verdienen können. Darüber hinaus entstehen Konflikte, bei denen technologische und wirtschaftliche Interessen zusammenprallen, wie es der Antagonismus zwischen Kabel und xDSL bzw. Telefónica und den regionalen Providers darstellt. Eines ist sicher: die Schlacht des Kommunikationsnetzes hat begonnen.

Aus Antagonismen kann das Gute oder das Böse entstehen. Konflikte (etwa  Krieg) können ein Land lahmlegen, so daß es keine Fortschritte mehr macht. In diesem Sinne könnte Spanien sein Leadership im digitalen Fernsehen verlieren. Das kann man aus der folgenden Grafik des Consultingsunternehmens für Medienwirtschaft IDATE herauslesen.


Zahl der Haushalte mit Zugang auf die Dienste des digitalen interaktiven Fernsehens

Quelle: IDATE

Antagonismen können auch eine Dynamik hervorbringen und ein Land vorantreiben. In vielerlei Hinsichten hat Spanien Potentiale: es gehört zu den ersten Länder der EU, das mit der Digitalisierung des TVs angefangen h--at, der nationale Fernsehmarkt bietet immer noch wenige Kanäle an und es sind noch Marktlücken vorhanden (z. B. Kultur- oder Spartenkanäle). Im Gegensatz zu den Prognosen der oberen Grafik, bei der Spanien im Jahre 2001 besser darstand als Deutschland oder Japan, und in den darauf folgenden Jahren schlechter abschneidet, bin ich der Meinung, daß eine genauere Untersuchung dieses komplexen Marktes die Chancen des digitalen interaktiven Fernsehens auf der iberischen Halbinsel aufzeigen könnte. Ebenso wie die Euphorie für das digitale interaktive Fernsehen in der jüngeren Vergangenheit sich überall als falsch herausgestellt hat, ist ein übertriebener Pessimismus für den spezifischen spanischen Markt meines Erachtens nicht angebracht. 


Literaturliste

A. Durandez y A. Sánchez-Tabernero, El futuro de la televisión en EspaĖa Arthur Andersen y Facultad de Navarra, 2000

Links:

Alle waren am 20. August 2003 abrufbar

http://www.idate.fr/

http://www.itvfocus.net/article.php3?id_article=156

http://tvinteractiva.no.sapo.pt/mba_index.html

http://www.tdvi.net

http://www.tvdi.net/cgi-bin/trad/html/articulos/entrevista1.html

http://www.moedinger-online.de

http://www.comunicacionymedios.com/Recursos/television/interactiva.htm

http://www.cmt.es/cmt/index.htm

http://www.cmt.es/cmt/centro_info/publicaciones/Inf%20Anual%202002/Cap1.pdf

http://www.cmt.es/cmt/centro_info/publicaciones/pdf/TDT_CACCMT.pdf

http://www.cmt.es/cmt/centro_info/publicaciones/pdf/tv_europea.pdf

http://www.telefonica.es/sociedaddelainformacion/espana2002/

http://www.altawebs.com/newsletters/newsletters_zoom.asp?CODNEW=69

http://notesweb.uni-wh.de/wg/wiwi/wgwiwi.nsf/1084c7f3cb4b7f4ac1256b6f005851c5/419ef07b5bcaf405c1256bff003279cd/$FILE/Digitales%20Fernsehen%20in%20Europa.pdf

http://www.mediastudies-wel.com/mamaku/_sites/spanien.htm

http://www.eu-datashop.de/download/DE/sta_kurz/thema4/np_02_24.pdf

http://www.mobilecommerceworld.com/EDriveFiles/DataMonitor/18_RPDF.pdf