Quizfrage: Wie lange sitzen Sie heute bereits vor dem Computer? Und wie oft haben Sie dabei ihren Körper bewusst wahrgenommen?

Ihre Erinnerung enthält keine Körperwahrnehmung der letzten Stunden? Dann sollten Sie ihren Arbeitsplatz "Sinn"-voller gestalten. Julia Leihener weiß, wie das funktioniert. Die ehemalige Studentin der Berliner Universität der Künste steht im lichtdurchfluteten iMac-Raum der Hochschule. Um sie herum surren etliche Computer. Zwei davon jedoch sehen anders aus - irgendwie sinnlicher. Hier hat die diplomierte Designerin noch einmal den praktischen Teil ihrer Abschlussarbeit im Studiengang Industrial Design installiert. "KörperSein - KörperSchein" lautet deren Titel. Thema sind die Körpererfahrungen bei intensiver Arbeit am Computer. "Sitzt man zu lange vor dem Rechner, verliert man schnell den Bezug zur körperhaften Realität außerhalb des Monitors", erklärt Leihener. Ein weiteres Problem: Im Arbeitsstress neigt man leicht dazu, elementare körperliche Bedürfnisse zu vernachlässigen. Aus diesen Erfahrungen heraus entstand die Idee, den Arbeitsfluss am Computer durch gezieltes Ansprechen der fünf Sinne zu unterbrechen. Diese gewollten Störungen formen in Summe eine ganze "Störungskette". Durch das Stimulieren der unterschiedlichen Sinne soll so der Körper wieder ins Spiel gebracht werden. "Das Arbeiten am Rechner wird also wieder bedeutend 'Sinn´voller'", schmunzelt Frau Leihener.

Wie sehen die fünf Einzelstörungen aus?

Visuell: "real-cam"
Die Augen werden im Alltag am meisten beansprucht. Während der Arbeit am Computer starrt man oft lange auf den Bildschirm.

"Sobald ich mich ins "real-cam"-Netz einklinke, wird ein Stück Realität auf meinem Bildschirmhintergrund sichtbar", so Leihener. Dazu wurde eine digitale Videokamera an der Rückseite des Monitors installiert. Diese überträgt den verdeckten Teil des Raumes in Echtzeit auf den Bildschirmhintergrund. Alle Icons und Fenster liegen im Vordergrund. Das Arbeiten am Rechner ist somit problemlos möglich. Das bewegte Bild im Hintergrund dient als visuelles Signal für die Aktionen im Arbeitsumfeld. Interessant bzw. zum Störfaktor wird es jedoch erst durch die Anwesenheit anderer Personen.

Akustisch: "sound-shell"
Das Ohr ist neben dem Auge der wichtigste Sinn zur Wahrnehmung der Arbeitsumgebung. Manchmal besteht jedoch auch das Bedürfnis, sich akustisch "abzukapseln".

Mit oder ohne Musik will man einfach nur seine "Ruhe". "Um dennoch eine Verbindung zu meiner Umwelt zu haben, schalte ich die 'sound-shell'-Funktion an meinem Kopfhörer ein", demonstriert Frau Leihener ihren "Akustik-Störfaktor". "Jetzt passt sich die Lautstärke automatisch an die Raumgeräusche an. Ist viel los, wird meine Musik lauter. Bin ich allein, höre ich die Musik nur sehr leise". Die beiden Hörmuscheln reagieren dabei unterschiedlich - je nachdem, auf welcher Seite des Raumes sich die Geräusche befinden.

Balance: "sit-net"
Wer kennt das nicht: Man hat stundenlang im Sitzen gearbeitet und am Ende des Tages Rückenschmerzen. Julia Leihener hat als Abhilfe das "sit-net" konstruiert.

"Mein Ziel war es, beim Sitzen mehr in Bewegung zu kommen und den vernachlässigten Gleichgewichtssinn zu aktivieren", so Leihener. Das "sit-net" besteht aus einzelnen, mit Luft gefüllten Sitzkissen. Diese sind über ein Schlauchsystem verbunden und übertragen so die Bewegungen der anderen sitzenden Personen im Raum. Auf diese Weise soll der Körper von außen zur Bewegung angeregt und das Bewusstsein über den eigenen Körperzustand gefördert werden.

Olfaktorisch / Gustatorisch:
"8 MB"

Für Phasen, in denen dringend ein Energieschub benötigt wird, liegt die "8MB-CD" bereit. "MB" steht hier jedoch nicht für langweilige Nullen und Einsen.

"MB" steht vielmehr für "Megabites" - also besonders große Bissen - köstlicher Schokolade. Die CD ist außerdem mit den Namen der Kollegen beschriftet. "Wenn eine Person die Schokolade öffnet, ist sie 'verpflichtet' den anderen ein Stück anzubieten und sie zu unterbrechen", erklärt Leihener ihr "8 MB"-Konzept. Neben dem Geschmacks- und Geruchssinn wird so auch der soziale Kontakt stimuliert.

Taktil: "hot-spot"
"Während ich am Rechner arbeite, bekomme ich oft kalte Hände und wünsche mir eine warme Hand, die meine wärmt", beschreibt Frau Leihener die Ausgangssituation für ihre taktile Sinnesstimulation.

Um dies zu ändern, integrierte sie in den iCatch Aufsatz zweier iMac-Mäuse selbstklebende Heizfolien. Wird an einem Rechner die Maus bewegt, erwärmt sich am anderen Rechner die zweite Maus. So ist man über die "wärmende" Anwesenheit von Kollegen stets informiert.

Insgesamt ergibt sich durch diese unterschiedlichen "Störungen" ein deutlich intensiveres Körpergefühl an einem sehr "sinnlichen" Arbeitsplatz.


Falls es Ihnen gerade nicht möglich ist, sich in ein "sit-net" einzuklinken oder die "sound-shell" Funktion zu aktivieren: Kein Problem - durch bewussteres Arbeiten können Sie sicher beim nächsten Mal die Frage nach ihrer Körperwahrnehmung trotzdem spontan beantworten.

Sinn´voller Arbeitsplatz: Fünf unterschiedliche Komponenten stimulieren die Sinne während der Arbeit am Rechner.

TECHNIK

Hardware:
2 iMacs (mit FireWire)
2 "alte" iMac Mäuse mit iCatch Aufsatz
Heizfolie 12V
Relaisbausatz
Lichtschranken
2 Trafos 230V/50H, 500/1000MA
2 Kopfhörer
Schlauchsystem mit 2 aufblasbaren Luftkissen

Software:
Macromedia Director 8.0

Kameras:

2 digitale Videokameras
(Sony DCR TRV 900E)


Voller Durchblick: Die "real-cam" zeigt auch den Teil des Raumes, der sich hinter dem Monitor befindet.

LINKS

Universität der Künste Berlin
http://www.udk-berlin.de

Studiengang Industrial Design
http://www.udk-berlin.de/studium/stuinddesign.htm

Diplomarbeiten an der UdK Berlin
http://www.designtransfer.udk-berlin.de/dp.html


Voller Luft: Ein veränderter Druck im Sitzkissen zeigt die Bewegung der anderen sitzenden Personen im Raum an.

Vollends schokoladig: Jedes Stück der "8MB-CD" liefert frische Energie und ist für einen bestimmten Kollegen reserviert.

KONTAKT

Julia Leihener
julia@leihener.com

Stephan Deierlein